Vortragsreihe ZeitzeugInnen berichten

Zeitzeugenabend mit Schoschana Rabinovici

Im Rahmen der Vortragsreihe „Zeitzeugen berichten“ erzählte die Holocaust-Überlebende Lucienne Schoschana Rabinovici am 15. September 2011 in Linz ihre berührende Lebensgeschichte. Vor mehr als hundert gespannten Zuhörern schilderte Frau Rabinovici, wie sie als Kind dank ihrer Mutter die Wilnaer Ghettos und eine Reihe schrecklicher Konzentrationslager überlebte.

Geboren in Paris, war Susi Weksler - wie sie damals hieß – gemeinsam mit ihren Eltern noch vor dem Krieg nach Wilna gezogen. In der litauischen Stadt, die bereits im Mittelalter als Jerusalem des Nordens galt, lebte der Rest ihrer Großfamilie. Fast 40 Prozent der Einwohner Wilnas waren jüdisch, die Stadt galt als Zentrum jüdischer Aufklärung und Kultur.

Mit dem Einmarsch der Deutschen änderte sich für die litauischen Juden alles. Die elfjährige Susi Weksler und ihre Familie wurden in das Ghetto gepfercht – zuerst in das so genannte kleine Ghetto und nach dessen Liquidierung in das große. Dort gelang es den Eltern, in einem unterirdischen Versteck Plätze für die Familie zu erkaufen. Frau Rabinovici schilderte eindrücklich, welche Überwindung es die Menschen kostete, durch eine hochgeklappte Toilette in die Kanalisation hinabgelassen zu werden, um durch eine Eisenklappe in die verborgene Halle zu gelangen. Während im Ghetto die Juden von Nazis aus den Häusern geholt und erschossen wurden, pferchten sich im Versteck viel mehr Menschen zusammen, als vorgesehen. Unter Atemnot mussten sie stundenlang ausharren, während draußen die „Aktion“ der SS im Gange war. Als die deutschen Soldaten begannen, die Häuser zu sprengen, breitete sich unter den versteckten Juden endgültig das Grauen aus. Ein Vater versuchte, das Schreien seines Babies mit einem Kissen zu dämpfen, was zum Erstickungstod seines Sohnes führte. All das musste Frau Rabinovici als Kind mit ansehen – aber das war erst der Anfang.

Als das Wilnaer Ghetto liquidiert und die Familie mit tausenden Juden auf einem alten Friedhof zur Selektion zusammengetrieben wurde, opferten drei Jugendliche ihr Leben, um die Menschen auf Jiddisch zu warnen: „Juden! Geht rechts!“ Susis Mutter verstand, dass es bei dieser Selektion um Leben und Tod ging. Mit unnachgiebiger Beharrlichkeit schaffte sie es nach mehreren Versuchen, mit ihrer Tochter auf die rechte Seite zu gelangen. Der Rest der Familie verschwand an diesem Tag in der Menge derer, die im nahen Wald von Ponari ermordet wurden.

Immer wieder war es die Mutter, die durch Kühnheit und schnellen Entschluss das Leben von Susi retten konnte. So überlebten die beiden mehrere Konzentrationslager und einen 200 Kilometer langen Todesmarsch am Ende des Krieges.

Auf eine der vielen Fragen aus dem zutiefst betroffenen, großteils jungen Publikum, wie sie all das Erlebte bewältigen könne, zitierte Frau Rabinovici ihre Mutter. Die habe immer gesagt, dass wir nicht zurückschauen, denn diese Tür sei geschlossen und etwas Neues habe begonnen.

Eine Gesellschaft ohne Gewalt, Diskriminierung und Unterdrückung sei der Schlüssel dafür, dass sich solche Gräuel nie mehr wiederholen, so Schoschana Rabinovici.

Bericht als pdf zum Download.

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