29.01.2019

Gedenkstunde zum Internat. Holocaust-Gedenktag

Michael Köhlmeier: ‚Unzählige kleine Schritte in die Barbarei‘

Am 29. Jänner 2019 luden die Österreichischen Freunde von Yad Vashem gemeinsam mit der Stadt Linz zu einer Gedenkstunde ins Alte Linzer Rathaus. Anlass war der Internationale Holocaust-Gedenktag der Vereinten Nationen. Die Gedenkrede hielt der bekannte Schriftsteller Michael Köhlmeier. Er skizzierte die unzähligen kleinen Schritte, die in die Barbarei führten. Und Köhlmeier warnte davor, den Vergleich zwischen damals und heute zu verbieten. Denn vergleichen sei nicht identisch mit gleichsetzen.

 

 

Mehr als einhundert Gäste waren der Einladung zur Gedenkstunde in das Alte Rathaus gefolgt. Der Vorsitzende des Freundeskreises, Günther Schuster, bezeichnete es als erschütternd, dass Juden in Europa wieder Angst davor bekommen, zu ihrer Identität und zu ihrem Glauben zu stehen. Die Feststellung, dass Handlungsbedarf bestehe, genüge nicht mehr. Das Nichtwissen über den Holocaust sei gefährlich, daher sei es unsere moralische Pflicht, die Erinnerung am Leben zu halten.

 

 

Bürgermeister MMag. Klaus Luger appellierte, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, der unter Druck geraten sei.  Es gebe auch in einer erfolgreichen Stadt wie Linz Menschen, die Angst hätten, nicht mithalten zu können und Angst, dass die Identität in Gefahr gerate. Man benötige einen Grundkonsens, der nicht ausgrenze. Luger forderte aber auch mehr Streit in der Demokratie, abseits persönlicher Befindlichkeiten und Missverständnisse.

 

 

 

Yad Vashems Europadirektor Arik RavOn bedankte sich ausdrücklich beim Linzer Bürgermeister für dessen jahrelange Unterstützung der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte. Er skizzierte die Bemühungen Yad Vashems, eine Gedenkkultur zu etablieren, damit sich die Menschen Gedanken machen, diskutieren und sich eine Meinung bilden. Man komme nicht, um den Menschen etwas zu diktieren, sondern um mit ihnen zu sprechen. RavOn sprach auch dem Freundeskreis wieder seinen Dank aus.

 

 

Wenn junge Menschen heute die Gedenkstätte Mauthausen besuchen, sei es schwer, Ihnen zu vermitteln, dass diese Gräuel tatsächlich geschehen und nicht Plot eines Computerspieles sind, so Schriftsteller Michael Köhlmeier. Die erste Reaktion auf den millionenfachen Mord in Tötungsfabriken sei, es nicht zu glauben – weil es eben unglaublich ist. Doch wie war solche Barbarei möglich? Der Weg dorthin bestehe aus unzählig vielen und winzig kleinen Schritten. Schon seit Jahrhunderten sei es gesellschaftlicher Standard gewesen, über Juden Witze zu reißen oder auf sie zu schimpfen. Auch große Denker und Autoren hätten sich judenfeindlich geäußert: von Martin Luther über Immanuel Kant bis hin zu Karl Marx. Man könne die winzig kleinen Schritte nachvollziehen, die durch das 18. und 19. Jahrhundert trippelten, größer wurden und schließlich die Tore von Auschwitz, Treblinka, Majdanek und Mauthausen erreichten.

Die Geschichte fordere uns auf, auf die winzig kleinen Schritte zu achten, die heute getan werden, so Köhlmeier. Weisen ihre Spuren in eine ähnliche Richtung? Wenn jemand Flüchtlinge und Migranten als ‚Erd- und Höhlenmenschen‘ bezeichne? Oder wenn ein anderer – inzwischen Vizekanzler - vorschlage, rückzuführende Asylanten in Frachtmaschinen zu befördern. Zitat: ‚Da können sie dann schreien und sich an urinieren. Da stört´s dann niemand‘. Oder wenn ein Mitglied der Bundesregierung davon spreche, Menschen ‚konzentriert‘ zu halten. Oder wenn derselbe Mann sage, man müsse die Menschenrechtskonvention ändern. Auch die Mitmenschlichkeit solle in Verruf gebracht werden, kritisiert Köhlmeier. Er verwahrt sich gegen die Forderung, man dürfe damals mit heute nicht vergleichen. Denn vergleichen sei nicht ident mit gleichsetzen. Niemand, der seine Tassen im Schrank habe, setze irgendetwas mit den Nazis gleich. Doch wer das Vergleichen verbieten will, der will auch verbieten, aus der Geschichte etwas zu lernen, so Köhlmeier.

Transskription der ganzen Rede hier>

Prominetne Teilnehmer

Die Gedenkfeier wurde vom Konzertgitarristen Christian Haimel virtuos musikalisch umrahmt.