29.01.2018

Gedenkstunde zum Internationalen Holocaust-Gedenktag in Linz

Anlässlich des Int. Holocaust-Gedenktages der Vereinten Nationen veranstalteten die Österreichischen Freunde von Yad Vashem gemeinsam mit der Stadt Linz am 29. Jänner 2018 eine Gedenkstunde im Alten Rathaus. Vor 120 Teilnehmern hielt der Schauspieler und Schriftsteller Miguel Herz-Kestranek ein Plädoyer für ein zeitgemäßes und nachhaltiges Gedenken. Unter den zahlreichen Ehrengästen konnten Yad Vashems Europadirektor Arik RavOn, den Linzer Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer, Altbischof Maximilian Aichern, die Präsidentin der IKG Linz, Dr. Charlotte Herman, LAbg. Severin Mayr, zwei Stadträtinnen, die Präsidentin des OLG Mag.a Katharina Lehmayer sowie den Rektor der PH der Diözese Linz, Mag. Franz Keplinger begrüßt werden.

Was einmal möglich war, sei auch zukünftig wieder möglich, so Vorsitzender Günther Schuster in seinen Eröffnungsworten. Er rief dazu auf, allen Tendenzen entgegenzuwirken, die die Entstehung von Rassenhass, Antisemitismus und Diskriminierung begünstigen. Es müsse auch jede Schönfärberei und Heroisierung des Naziregimes aufgedeckt  und geächtet werden. Schuster rief zur Teilnahme an der Aktion „#weremember“ des World Jewish Congress auf, an der sich viele Besucher nach der Veranstaltung durch ein Fotoshooting beteiligten.

-->

Die Linzer Vizebürgermeisterin Mag.a Karin Hörzing vertrat den erkrankten Bürgermeister MMag. Klaus Luger. Sie ging in ihren Worten auf das Gedenkjahr 2018 ein. Österreich feiere heuer 100 Jahre Republik.
Republik sei eine Chance, dass so etwas wie Auschwitz nie mehr passiere – aber es sei keine Garantie. Es brauche Demokratie und Menschen, die sich dafür einsetzen, dass sich millionenfacher Mord, Folter und Entwürdigung nicht wiederholen können, so Hörzing.

-->

Yad Vashems Europadirektor Arik RavOn betonte, dass man Wege finden müsse, um die junge Generation zu erreichen. Was bisher funktioniert habe, sei bei jungen Menschen nicht mehr wirksam. Eine Botschaft, die länger als 20 Sekunden dauere, werde rasch von der nächsten verdrängt. Allerdings habe die junge Generation heute mehr Interesse an den Ereignissen der Nazizeit als alle Generationen davor. Die Jungen seien frei und unbelastet von der Frage der Schuld. Sie gelte es zu erreichen und zu motivieren, das Erfahrene – auch auf digitalem Wege – mit anderen zu teilen.

 

Miguel Herz-Kestranek beleuchtete in seiner Rede die gegenwärtige Gedenkkultur sehr kritisch. Er sei in seinem Leben bei unzähligen Gedenkfeiern gewesen, habe unzählige Reden gehört und Versuche erlebt, das nach wie vor Unbegreifliche in Worte zu fassen und damit Betroffenheit zu erwirken. Eine Betroffenheit, die über die Gedenkstunde hinaus andauern sollte . Doch seine Zweifel seien gewachsen, so Herz-Kestranek: an der Wirksamkeit über das Nicht-Vergessen hinaus, an der Nachhaltigkeit der Appelle, an der Möglichkeit, dauerhafte Betroffenheit zu erwirken. Zu groß scheine die Distanz vom Anlass zu sein – vor allem für Nachgeborene, Unbeteiligte und somit Schuldlose. Er zweifle an der Wirksamkeit von Gedenkfeiern, wie sie stattfinden. Denn wenn sie wirksam wären, dann dürften nicht genau jene Anfänge, denen zu wehren immer aufgerufen wird, sich so mehren wie heute.

Er habe nachgedacht, welche Form des Gedenkens ihn diese Zweifel überwinden ließe, so Herz-Kestranek. Er frage sich, wie es wäre, Gedenken immer in einen Zusammenhang mit dem eigenen Gewissen zu stellen? Den Bezug zur eigenen Gegenwart zu suchen, indem man sich zwei Fragen stelle, eine schwer zu beantwortende und eine leicht zu beantwortende?“ Die schwer zu beantwortende Frage laute: „Wie hätte ich damals gehandelt?“ Ganz leicht hingegen könne man auf die zweite Frage antworten: „Wie handle ich heute?“ Wofür reiche die eigene Charakterstärke heute, ohne die Gefährdung von damals? Damals hätte man vielleicht geschwiegen, wenn man bedroht worden wäre, die Familie oder die Kinder; wenn man um seinen Beruf, sein Auskommen, sein Leben hätte bangen müssen. Aber wie laut wäre die eigene Stimme heute – ohne diese Bedrohung? 

Musikalisch wurde der Gedenkabend von Mirjam Arthofer und Petra Asztalos einfühlsam umrahmt.

Georg Schuster

 

#WeRemember - Aktion des Jewish World Congress