27.01.2015

Internationaler Holocaust-Gedenktag in Linz

Auditorium

Prof. Anton Pelinka beim Internationalen Holocaust-Gedenktag in Linz

70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz gedachten die Österreichischen Freunde von Yad Vashem am 27. Jänner 2015 in einer Gedenkstunde im Alten Rathaus Linz der Opfer des Holocaust. Im überfüllten Pressezentrum legte Österreichs renommiertester Politikwissenschaftler Univ. Prof. Dr. Anton Pelinka auf bemerkenswerte Weise dar, warum die Shoa nicht mit anderen Verbrechen der jüngeren Menschheitsgeschichte vergleichbar ist – der Holocaust als erstmaliges Verbrechen.

 

Der Vorsitzende des Freundeskreises, Günther Schuster, bezeichnete es einerseits als erfreulich, dass immer mehr Menschen der Opfer des Naziterrors gedenken. Andererseits sei er wenig zuversichtlich angesichts der jüngsten Vorkommnisse im heutigen Europa. Einen wirklichen Sieg über die schrecklichen totalitären Systeme gebe es anlässlich des Gedenktages aber nicht zu feiern. 7 Jahrzehnte nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau grassiere in Europa wieder Antisemitismus. Tausende französische Juden seien in den letzten Monaten nach Israel ausgewandert. Dass Juden in Europa erneut um ihr Leben fürchten müssen, sei ein Alarmzeichen dafür, dass die Wiederkehr des Undenkbaren jederzeit möglich sei.

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Die Verbrechen der Nationalsozialisten seien nicht aus heiterem Himmel gekommen, so die Linzer Gemeinderätin Waltraud Kaltenhuber. Bei ihrem Weg an die Macht hatten die Nationalsozialisten Verbündete: Weltanschauliche Intoleranz, Arbeitslosigkeit sowie das Unvermögen der Parteienlandschaft zur demokratischen Zusammenarbeit. Sie bildeten in den 30er Jahren den Nährboden, auf dem der Nationalsozialismus von einer unbedeutenden Splittergruppe zur Macht aufsteigen konnte. Man müsse klarmachen, dass Freiheit und Demokratie verletzlich seien – vor allem dann, wenn extremistische Ideologien versuchen, die Oberhand zu gewinnen.

 

Der Gastgeber des Abends, der Linzer Bürgermeister MMag. Klaus Luger, stellte mit Freude fest, dass der Saal für die jährliche Gedenkstunde inzwischen zu klein werde. 70 Jahre nach der Befreiung der Überlebenden sei es immer noch beklemmend zu erfahren, mit welchen Facetten der Brutalität menschliches Leben industriell ausgerottet worden ist. Luger mahnte zur Wachsamkeit, da es immer noch Antisemitismus gebe.

 

Prof. Anton Pelinka begann seine Ausführungen mit einem Zitat Jehuda Bauers: der Holocaust sei ein erstmaliges Verbrechen. Damit übermittle er die bedrohliche Botschaft, dass der Holocaust wiederholbar sei. Mit dem Begriff verbinde man den Versuch des deutschen, nationalsozialistischen Systems, das Judentum physisch zu vernichten – systematisch und mit dem Einsatz aller Mittel. Ein wesentlicher Teil der damaligen Öffentlichkeit stimmte zu und ein ganz großer Teil wusste Bescheid.

Der Holocaust sei kein Völkermord, wie etwa der Genozid an amerikanischen oder australischen Ureinwohnern, so Pelinka. Jener Genozid folgte einem verbrecherischen Eroberungs- und Vertreibungsmotiv mit ökonomischen Interessen. Auch mit dem Genozid am armenischen Volk, dem  Klassenmord an den Kulaken oder der roten Khmer in Kambodscha sei der Holocaust nicht zu vergleichen. Diese Genozide folgten einer verbrecherischen Utopie.  Nahe, relativ nahe komme der erstmaligen „Qualität“ des Holocaust am jüdischen Volk der gleichzeitig ablaufende Massenmord an den Roma und Sinti.

Der Holocaust sei auch kein Kriegsverbrechen gewesen. Die nationalsozialistische Führung habe die Ermordung der Juden im Zweifel über militärische Notwendigkeiten gestellt. Treblinka, Chelmno und Auschwitz-Birkenau standen in keinem Zusammenhang mit irgendeinem Kriegsziel. Die Vernichtung des Judentums war das eigentliche Ziel nationalsozialistischer Herrschaft. Es sei auch naiv gewesen anzunehmen, dass mit der Befreiung von Auschwitz der Antisemitismus zu Ende sein könnte – heute habe er eine globale Dimension.

Der Antisemitismus sei auch nicht die Folge jüdischer Existenz, sondern die Folge eines Bedürfnisses von Antisemiten. Und diese bräuchten weiterhin Juden - nötigenfalls erfänden sie welche. Sie projizieren auch heute alle antijüdischen Klischees auf lebende oder auch auf erfundene Jüdinnen und Juden. Als Beispiel nannte Pelinka die Kritik am Staat Israel, wenn sie sich auf Israel insgesamt bezieht oder Israel mit anderen – speziell feindlichen - Maßstäben misst als seine Nachbarn. Diese Kritik werde rasch zur Pseudorechtfertigung des Antisemitismus.

Pelinka nahm in seinem Vortrag auch Bezug auf die Attentate von Paris, wenige Wochen zuvor.  Dort wurden Journalisten ermordet, weil sie etwas taten. Jüdinnen und Juden wurden ermordet, weil sie etwas waren. Ersteres war ein Mord, dessen Ziel die Meinungsfreiheit war. Zweiteres sei eine punktuelle Neuauflage des Holocaust: Morde, deren Ziel die Auslöschung jüdischen Lebens und jüdischer Existenz war.

Die Überlebenden von Auschwitz wurden nicht von einem wohlmeinenden Pazifismus befreit, sondern von den Soldaten der Roten Armee. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, diesem Verbrechen mit einer erstmaligen Qualität, verlange mehr als nur Diskurs und Verständnis, so Pelinka. Diese Auseinandersetzung verlange auch nötigenfalls, ein solches Verbrechen mit Gewalt zu beenden.

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Einen würdigen musikalischen Rahmen bildeten die Darbietungen des Ensembles der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz unter der Leitung von Prof. Mag. A. Wahlmüller.